17. September 2012

"Nürnberger Nachrichten" am 17.09.2012

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"Nürnberger Nachrichten" am 17.09.2012
VON TIMO SCHICKLER
Der Name ist gewöhnungsbedürftig. Aber auch das ist in der „Asylothek“ gewollt. Der neue Bücherraum im Asylbewerberheim soll Grenzen überwinden helfen — von allen Seiten. Es ist nicht geplant, es ist spontan.
Und es ist schön.

Als die Tür zur „Asylothek“, der neuen Bibliothek im Asylbewerberheim in der Kohlenhofstraße, aufgeht, blicken sich Haniyeh und Ensiyeh kurz um — und steuern Richtung Bücher. Sie lassen den Fernseher im Eingangsbereich links liegen, stürzen sich auf Buntstifte und Papier und zaubern im Team binnen Minuten einen orangelila- farbenen Schmetterling auf das Papier.
Sie sind nicht die Einzigen, die in den leuchtend weiß gestrichenen — und so auch noch ein bisschen kahl wirkenden — Kellerräumen große Augen machen. Zaghaft, aber interessiert schnuppern einige Einwanderer aus dem 167 Personen fassenden Asylbewerberheim über die zehnstufige Treppe in die „Asylothek“.
Dort finden sie 50 laufende Meter Bücherregale, voll mit 500 Werken in mehreren Sprachen, Lexika, Malheften, Bilderbüchern. Vor allem die Kleinsten sollen hier etwas finden, das ihnen Freude bereitet. Ein kleiner Junge zieht ein Buch aus dem Schrank. Das ist auf Italienisch, vermittelt aber spielerisch die deutsche Sprache. Er blättert eifrig durch den Band, zeigt auf eine Baum unter dem groß „BAUM“ geschrieben steht. Und er lernt. Ein Wort in der Sprache des Landes, in dem er jetzt lebt.
Mitten im Raum steht ganz in Schwarz gekleidet Günter Reichert. Er hatte die Idee zur „Asylothek“ und hat seinen Einfall schon neun Wochen nach der Eröffnung des Asylbewerberheims hier in die Tat umgesetzt.
Und er hat das Wort geschaffen, darf sich also als Begründer der „ersten Asylothek in Deutschland“ bezeichnen. Deren Entstehungsgeschichte ist erstaunlich simpel: „Die Menschen, die hier eingezogen sind, hatten am Anfang nichts.“ Damit meint Reichert: keine soziale Betreuung, keine Sprachkurse, keine Bildungsangebote. Das wollte der Architekt ändern — und hat nur knapp zwei Monate dafür benötigt.
Alte Wörterbücher
Und der Name? Auf die Frage hat der Gründer gewartet, das spürt man. „Klar wirkt das am Anfang befremdlich, aber das ist ja auch das eigentliche Problem. Nämlich dass wir mit ,asyl‘ etwas Negatives meinen.“ Auch diese Grenze aber will er überwinden.
In kurzer Zeit hat Reichert über Spenden eine Büchersammlung zusammengetragen, die sich sehen lassen kann. Tatkräftig unterstützt wurde er dabei von der Nürnberger Stadtbibliothek — die ihrerseits froh über einen Abnehmer für alten Bücherregale war. Auch aus dem Altbestand hatte die „Bib“ einiges abzugeben. Beispielsweise ein altes Wörterbuch „Persisch-Deutsch“, das zwar noch gut, aber nicht mehr „ausleihtauglich“ ist.
Marija Arbani nimmt das Nachschlagewerk dankend an. Sie ist die ältere Schwester von Haniyeh und Ensiyeh. Die 14-Jährige, ihre Schwestern und ihr Vater sind seit eineinhalb Jahren in Deutschland und leben seit der Eröffnung des Bewerberheims im Juli in der Kohlenhofstraße.
Marjia spricht erstaunlich gut Deutsch. Das lernt sie an der Adalbert- Stifter-Schule. Und sie lernt es zu Hause. Das aber fällt ihr nicht immer leicht. „Die Zimmer sind sehr klein und meine Geschwister sehr laut“, lächelt sie. Sie fragt: „Ob ich hier auch meine Hausaufgaben machen kann?“ Bald wohl ja. Dann will die Regierung Mittelfranken eine Sozialbetreuung für das Asylbewerberheim vorstellen. Die sich dann wiederum auch um eine Hausaufgabenbetreuung — zum Beispiel durch ehrenamtliche Helfer — kümmern soll.
Beim Arbeits- und Gemeinschaftsraum aber soll es nicht bleiben. Reichert will im Kellerzimmer Veranstaltungen stattfinden lassen, „Vernissagen, Konzerte — damit das Asylbewerberheim endlich nicht mehr sozial abgegrenzt ist“, sagt er.
Noch bis Oktober wird die „Asylothek“ allein von Günter Reichert betreut. Jeden Freitagnachmittag will er die Türe wieder öffnen. Und dann dürfen Marija, Haniyeh und Ensiyeh im Gemeinschaftsraum Bilder malen, deutsche Filme mit Untertitel sehen — oder in Ruhe Hausaufgaben machen. Also: Bitte nicht stören!
Wer Bücher, DVDs oder auch einen Computer spenden will, erfährt auf asylothek.blogspot.de mehr oder kann sich an asylothek@web.de wenden.

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